Black Jack: ohne Lizenz auf medizinischer Mission

Black Jack Buchcover

Der über zweihundert Einzelgeschichten umfassende „Black Jack“ (ブラック  ジャック) von Osamu Tezuka aus den Jahren 1973 bis 1983 gehört zu seinen besten Werken – und den einflussreichsten Manga der 1970er Jahre. Die jeweils etwa 20seitigen Kurzgeschichten drehen sich um abenteuerlichste medizinische Vorfälle, derer sich der als letzter Rettungsanker gerufene Protagonist Black Jack, Chirurg ohne Lizenz, annimmt. In der Regel mit erfolgreichem Ausgang.

Black Jack ist der „beste Arzt der Welt“, in fachlicher wie moralischer Hinsicht. Die ihn rufenden Patienten, ob CEO eines milliardenschweren, weltweit tätigen Konzerns oder mittellose Mutter eines Kleinkindes, konfrontiert er allesamt und zuerst mit der Frage, wie viel ihnen ihr eigenes oder das Leben des ihnen lieben Menschen wert ist. Ganz klar beantwortet Black Jack diese Frage mit „nicht in Geld aufzuwiegen“. Und hält umso mehr die Hand auf. Dafür verteilt er seine Erträge nicht selten in Robin Hood-Manier umgehend wieder an die Bedürftigen unter seinen Patienten und deren Angehörigen: wenn sich die Frage nach dem Wert des Individuums in ihrer Bereitschaft niederschlägt, alles für dessen Genesung zu unternehmen.

Mit dem Skalpell gegen das Übel der Welt

Immer griffbereit trägt der rastlose Arzt seine meisterhaft handgefertigten Präzisionsskalpelle – teilweise aus hartem Glas – mit denen er selbst bei Blitz und Donner unter einer Plane im Freien operieren kann. Häufig wird Black Jack gerufen, wenn Mediziner aus aller Welt bereits aufgegeben haben, teilweise gerät er zufällig in Situationen, in denen seine unmittelbare Hilfe benötigt wird. In jedem Fall übersteigen seine Fähigkeiten und Kenntnisse bei weitem die eines gewöhnlichen Chirurgen – und (fast) jeden anderen Mediziners. Und das, obwohl er aufgrund großer Probleme mit dem medizinischen Establishment nie eine Zulassung erhielt. Einer der Gründe, warum der Mann mit dem schwarz-weißen Irokesen-Look und einem Gesicht, das durch eine Narbe in zwei Hälften unterschiedlicher Hautfarbe getrennt ist, von der weltweiten Ärzteschaft öffentlich geächtet wird.

Black Jack Doppelseite mit Pinoko

(c) Tezuka Productions / Camellia Nieh and Vertical, Inc.

Im Laufe der ersten Teile erfahren die Leser*innen in Rückblenden nicht nur mehr über die Hintergründe der Person Black Jack und den Grund für sein zweifarbiges Gesicht. Auch hinter dem kleinen, lispelnden Mädchen an seiner Seite, Pinoko, verbirgt sich eine Geschichte ungeheuerlicher medizinischer Tragik und Handfertigkeit. Das quirlige Dämchen, das sich gerne sowohl ihm als auch Fremden gegenüber als seine Frau ausgibt, versprüht in den Kurzgeschichten, in denen sie auftaucht, einen energisch kindlich-pubertären Charme und verleiht ihnen höchst amüsante bis urkomische Noten.

„Do not defy the gods of heaven and earth. Live humbly. Life and death are always. The art of medicine is another matter.“ – Hyo Jisai

Jede Kurzgeschichte konfrontiert die Leser*innen mit der Frage, was das Leben lebenswert macht, in einer Welt voller zwischenmenschlicher Missverständnisse, Dramen, Intrigen. Wie unter anderem in seinem Manga „Kirihito„, setzt Osamu Tezuka all dem einen unerbittlich für das Gute kämpfenden Mediziner entgegen. Doch selbst ihm gelingt die Rettung nicht immer. Und er muss lernen zu akzeptieren, dass der Tod zum Leben gehört und manchmal trotz bester medizinischer Fürsorge unausweichlich ist. Wunderschön zusammengefasst in einem Brief, den er von seinem altersschwachen Messerschmied nach dessen erfolglosem Rettungsversuch in Händen hält: „Do not defy the gods of heaven and earth. Live humbly. Life and death are always. The art of medicine is another matter. – Hyo Jisai“ (dt. „Trotze nicht den himmlischen und irdischen Göttern. Lebe demütig. Leben und Tod sind immer. Die Kunst der Medizin ist eine andere Angelegenheit.“)

Black Jack und Kiriko

(c) Tezuka Productions / Camellia Nieh and Vertical, Inc.

Osamu Tezuka setzt in seinen Geschichten Figuren wie Schauspieler ein – das heißt, dass einige „Gesichter“ nicht nur mehrfach in diesem, sondern auch in einigen seiner anderen Manga auftauchen. Und auch innerhalb von „Black Jack“ erscheinen einzelne Figuren in verschiedenen Geschichten als unterschiedliche Personen. Im ersten Moment unerwartet und verwirrend, findet man sich jedoch relativ schnell in diesen Charaktereinsatz ein. Ich habe mich jedes Mal gefreut, ein mir bereits vertrautes Gesicht wieder in einer neuen Rolle zu entdecken. Insgesamt gibt es in der Serie wenige Hauptfiguren, die immer in gleicher Funktion auftreten (mehr Informationen dazu liefert das englischsprachige Wikipedia). Dazu zählt neben dem Hauptprotagonisten und seiner kleinen Begleiterin sein größter Kontrahent: Dr. Kiriko. Im Gegensatz zu Black Jack hat er es sich zur Hauptaufgabe gemacht, Menschen durch todbringende Lösung von ihren Leiden zu befreien. In diversen Teilen begegnen sich die beiden Männer an einem Patientenbett in der Auseinandersetzung um die menschenfreundlichste Art zu helfen.

Die Vielzahl der Geschichten, die Osamu Tezuka in dieser Serie erstellt hat, ist faszinierend, jede einzelne fesselt und macht Lust auf mehr. Die einzelnen Bände enthalten jeweils 14 Kurzgeschichten und umfassen damit etwa 300 Seiten. Die sind einerseits unglaublich schnell gelesen, lassen sich jedoch auch in aller Langsamkeit Bild für Bild genießen und im Detail betrachten. Ich habe die Bände verschlungen, fertig bin ich damit allerdings noch lange nicht. Unbedingte Leseempfehlung!

Anmerkung: Bei der hier besprochenen Manga-Serie „Black Jack“ handelt es sich um die englischsprachige Version aus dem Verlag Vertical, Inc. Wie in den meisten internationalen Editionen, sind auch hier die einzelnen Geschichten nicht in chronologischer Folge, also nach Erscheinungsdatum, sondern in „optimal“ zu lesender Reihenfolge erschienen. Leserichtung rechts nach links, wie im japanischen Original.

Leider sind nicht mehr alle der im Vertical Verlag erschienenen Bände neu erhältlich, einzelne nur noch und immer wieder gebraucht und zu teilweise sagenhaften Preisen. Alternativen bieten andere Verlage mit ihren Publikationen von „Black Jack“.

Black Jack (Vol. 1-17)
Autor: Osamu Tezuka
Verlag: Vertical, Inc.
Bezugsquelle: Amazon (online kaufen)

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