Fantastische Teehäuser im Märchengewand

Zugegeben, es wäre etwas schade, Terunobu Fujimori auf diesen einen Teil seines architektonischen Schaffens zu reduzieren. Wer jedoch einmal seine hoch oben sitzenden, verwunschenen Teehäuser gesehen hat, wird seinen Namen wohl für immer damit assoziieren.

Walking Café, 2012, Museum Villa Stuck

Wir hatten im Sommer 2012 das große Vergnügen, eines seiner aufgestelzten, an überdimensionierte Trollhäuschen  erinnernden Holzbauten zu sehen und zu erleben. Das Münchner Museum Villa Stuck präsentierte im Rahmen einer umfassenden Werkschau Fujimoris das von dem Architekten eigens dafür konzipierte, mit Schindeln aus Holz und Kupfer versehene „Walking Café“.

Japanische Architektur trifft deutsche Handwerkskunst

Gemeinsam mit Münchner Studenten und Handwerkern aus der Region sowie in eigenen Workshops mit Kindern aus dem Umland wurde das Projekt eines von Fujimori entworfenen Cafés „to go“ realisiert. Durch an jedem seiner vier Stelzbeine angebrachte Reifen war dieses „Teehaus“ nämlich das erste mobile seiner Art. Im Inneren wurde Besuchern für die Dauer der Ausstellung einmal wöchentlich, den (vermeintlichen) deutschen Gewohnheiten entsprechend, nicht Tee, sondern Kaffee serviert. So erklärt sich die Namensgebung.

Walking Café Innenraum

Hatte man das Walking Café erst einmal über die anliegende, einfache Holzstiege erklommen, konnte man einen sehr kleinen, wunderbar puristischen, komplett mit hellem Holz ausgebauten Raum betreten. Im Prinzip fand sich hier lediglich ein Tisch, eine ihn umlaufende Bank sowie ein Platz für den Teekessel. Der war eingelassen vor einem spitzbogenförmigen Fenster, das schon fast sakral anmutete und den Besucher durch die eintretenden Sonnenstrahlen beinahe so etwas wie Erleuchtung spüren ließ. Saß man erst einmal bequem, fühlte der Raum sich absolut nicht mehr klein an. Eher sehr persönlich, befreiend und ausgesprochen kommunikativ.

Chashitsu Tetsu (Teehaus Tetsu, 2006)

Ein lauschiges Plätzchen in den Wipfeln der Bäume. So haben wir uns in unserer Kindheit eigene Rückzugsräume geschaffen, oder zumindest imaginiert. In Fujimoris Teehäusern vereinen sich verspielt fantastische Kindheitsträume mit modernster technischer Bauwissenschaft, tief in der japanischen Kultur verwurzelte, jahrhundertealte Traditionen mit vollkommen neuen Denkansätzen, hochkomplexe Bauweise mit maximal natürlichen Baustoffen. Das Ziel seiner Bauten ist stets, einen Raum für intensiven Austausch zwischen den Menschen zu schaffen. Wir können aus eigener Erfahrung  bestätigen: es hat sehr gut funktioniert!

Ein ausführliches, lesenswertes Interview mit Fujimori führte detail Zeitschrift für Architektur + Baudetail anlässlich der Eröffnung der Ausstellung im Juni 2012.

Einblicke in das Vorgehen des Architekten und seine Bauten gibt auch das folgende Video:

Über Fujimori
Tenurobu Fujimori wurde 1946 in Chino in der Präfektur Nagano, Japan, geboren. Nach dem Abschluss seines Architekturstudiums machte er sich zunächst als Architekturhistoriker einen Namen, bevor er erst als Mittvierziger mit dem Bau des Jinchokan Moriya Historical Museums (Chino, Japan) sein Debüt als Architekt gab.

Während er in Japan bereits vielfach ausgezeichnet wurde, findet sich in unseren Breitengraden leider nur sehr wenig über Fujimori. Umso empfehlenswerter daher der offizielle Ausstellungskatalog der Villa Stuck, erschienen im Hatje Cantz Verlag, mit dem Titel „tenurobu fujimori architect“, der tatsächlich die erste umfassende Publikation zu dem meisterhaften Architekten ist, die außerhalb Japans erschien. Das Buch gibt tolle Einblicke und die Abbildungen sind traumhaft.

Tenurobu Fujimori Architect
Verlag: Hatje Cantz (Ausgabe leider vergriffen)
Bezugsquelle: gebraucht erhältlich, zum Beispiel über Amazon (online kaufen)

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