Ikebana: Das ganze Universum in einer Blumenschale

IKEBANA BuchcoverBildquelle: Buch IKEBANA by Sōfū Teshigahara, Sōgetsukai, 1962

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das erste Mal mit Ikebana in Berührung kam. Ganz genau erinnere ich mich allerdings an das Gefühl, das ich empfand, als ich das erste Mal vor einem japanischen Blumenarrangement stand. Dass sich Blumen auf eine so ungemein harmonische und kunstvolle Art zusammen stecken ließen, die jeder einzelnen ihren eigenen Raum gab und im gemeinsamen Zusammenspiel ein atemberaubend schönes Bild ergab, machte mich sprachlos – und auf eine eigenartige Art glücklich.

Heute weiß ich, dass sich die japanischen Zeichen für Ikebana als „lebendige Blumen zu ihrer eigentlichen Gestalt bringen“ übersetzen lassen. Das war es wohl, was mich berührt hatte. Diese Kunst, eine Blume nicht einfach Blume sein zu lassen, sondern sie in ihrer Farbe, Form und Größe im Kontext mit ihrem Umfeld als einzigartige Schöpfung zu inszenieren, ihre Schönheit auszustellen und dabei gleichzeitig ihre Vergänglichkeit anzudeuten.

Ikebana Rikka-Stil

Arrangement im Rikka-Stil – Bildquelle: Buch IKEBANA by Sōfū Teshigahara, Sōgetsukai, 1962

Die Ikebana-Kunst hat eine lange Tradition, die sich wohl aus dem chinesischen Brauch des Blumenopfers in buddhistischen Tempeln ab dem 7. Jahrhundert in Japan entwickelte. Verschiedenen Quellen nach gab es einen Priester im Rokkakudo Tempel in Kyoto, der die bis dahin übliche Darreichung der Blumen als unästhetisch empfand. Er begann damit, sie aufrecht stehend, in drei Hauptlinien zu arrangieren, die das Zusammenspiel von Himmel, Mensch und Erde symbolisieren sollten. Der Altar, auf dem die Blumen platziert wurden, lag bei einem Teich (jap. ike) in einer kleinen Hütte (jap. bo). Die Priester wurden daher Ikenobo genannt und ihr Tempel gilt heute als Geburtsstätte des Ikebana. Erst im späten 15. Jahrhundert entwickelte sich daraus eine systematische Form der Anordnung, der Rikka-Stil (rikka = stehende Blumen), der als Urform des Ikebana und aller seiner weiteren Stilformen gilt.

Kunstform in unterschiedlichen Stilrichtungen

Den Rikka-Stil prägen majestätische, feierliche Blumenarrangements in Form idealisierter Landschaften, die häufig in schweren Bronzegefäßen stehen und an den Höfen Kyotos eine Höhe von über vier Metern erreichen konnten. Eine etwas leichtere Form entwickelte sich um Zusammenhang mit der Teezeremonie: im Nageire-Stil (nageire = zufällig, die Natur nachahmend) werden Blumen zwanglos und in möglichst natürlichen, einfachen Töpfen oder Vasen zusammengestellt. Vornehmlich, da hier weniger Regeln beachtet werden müssen und weniger Übung erforderlich ist, wurde dieser Stil besonders populär.

Ikebana im Moribana-Stil

Arrangement im Moribana-Stil – Bildquelle: Buch „Ikebana – A fresh look at Japanese flower arranging“ von Diane Norman & Michelle Cornell

Der dritte, elegant-schlichte Stil, das Shoka (frische, lebende Blumen), ähnelt in seinen Formalitäten dem Rikka, beschränkt sich allerdings wie Nageire auf wenige Materialien. Im Shoka-Stil werden Blumen in asymmetrischer Dreiecksform mit drei Hauptzweigen arrangiert, die Himmel, Mensch und Erde symbolisieren. Ein jüngerer Stil wurde im späten 19. Jahrhundert mit Moribana (angehäufte Blumen) entwickelt. Hier werden die Blumen in flachen Gefäßen aufgebaut, um sie in ihrer besten und am natürlichsten wirkenden  Form zu präsentieren.

Ikebana ist tatsächlich weit mehr, als die Kunst, Blumen zu stecken. Hier werden eigene Landschaften und Szenerien geschaffen, eigene kleine Universen in einer Blumenschale oder Vase, in die gleichzeitig die Gefühlslage der Künstler mit einfließen. Und diese Kunstform wäre nicht japanisch, wenn alleine das Resultat zählte. Auch dem Weg zum fertigen Werk kommt besondere Bedeutung zu. Das Erstellen eines Ikebana erfordert Ruhe, Konzentration, Fokussierung und Handfertigkeit – ganz abgesehen von einem tiefen Wissen über Pflanzen und ihre Eigenschaften und die Regeln, die je nach Schule beziehungsweise Stil variieren.

Kreative Freiheit nur durch Regeln

Geregelt ist im Ikebana vieles, unter anderem die Pflanzen in Farbe, Form, Größe und Anordnung betreffend, die Gefäße, das Größenverhältnis zwischen Pflanzen und Gefäß, sowie Neigungswinkel und Abstände zwischen den Pflanzen untereinander und zwischen Pflanze und Gefäß. Auch die bei der Erstellung entsprechende Jahreszeit muss in den meisten Stilen widergespiegelt werden. Darüber hinaus sind Schnitttechniken, Stecktechniken und verwendbare Blumenhalterungen mal streng, mal etwas lockerer geregelt. Zudem gibt es Regeln für die Anlässe, zu denen Ikebana erstellt werden: formell, semi-formell und informell.

Ikebana Vase

Bildquelle: Buch IKEBANA by Sōfū Teshigahara, Sōgetsukai, 1962

Dem Gründer der Sogetsu Ikebana-Schule, Sōfū Teshigahara, wird die Aussage „Freiheit entsteht aus Formalität“ zugeschrieben. Nur wenn die Regeln des Ikebana in Fleisch und Blut übergegangen sind, wird man/frau gedanklich frei sein, um eigene Kreationen zu schaffen. Wer grundlegende Kenntnis über das Verständnis von Balance, Form und dem Konzept von Raum hat, kann ein faszinierendes Arrangement gestalten, wie ich damals eines gesehen habe – und seither noch unzählige weitere.

Wer möchte, kann sich auf verschiedenen Onlineseiten und mithilfe einiger toller Bücher in das Thema einlesen und einarbeiten. Eine Schule oder Ausbildung in dieser Richtung ersetzen die verfügbaren Quellen zwar nicht, geben jedoch guten Einblick in Thematik, Techniken und Regeln und erlauben zumindest, einfache schöne Gestecke selbst zu erstellen. Über den Ikebana Bundesverband lassen sich auch Lehrmeister/innen aufspüren, die in meist privaten Kursen unterrichten.

 

Ikebana (Die japanische Kunst, Blumen zu inszenieren)

Weiterführende Informationen:
Ikebana Bundesverband e. V. (Offizielle Webseite)
Ikenobo (Offizielle Webseite englisch)
Sogetsu München (Offizielle Webseite)
Sogetsu Japan (Offizielle Webseite)
Ohara-Ikebana Frankfurt Furyu Studiengruppe e.V. (Offizielle Webseite), seit Juni 2017 offizielle Vertretung der Ohara-Schule in Tokyo

Buchtipps:
„Ikebana – A fresh look at Japanese flower arranging“, von Diane Norman und Michelle Cornell (erhältlich im/bestellbar über den stationären Buchhandel des Vertrauens; bei Amazon UK online kaufen)
„Ikebana“ von Sofu Teshigahara, 1962 (gebraucht über Amazon US online kaufen)

Online-Shops für Ikebana-Zubehör:
Kadosha (Online-Shop aus Japan)
Ikebana (Online-Shop aus Deutschland)

Weitere Inspirationsquellen:
Instagram, Pinterest und Co. sind wahre Fundgruben
Japanische Holzschnitt-Drucke mit Ikebana-Inhalt: Online-Suche bei ukyio-e
Artikel auf Artsy
: „What is Ikebana? The Japanese art that’s making a comeback“ vom 21.März 2018

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