Meisterhafte Zeichnung japanischer Ästhetik

„Lob des Schattens“ von Tanizaki Jun´ichirō ist zweifelsfrei eine der elementarsten Schriften zur Vermittlung japanischer Ästhetik. Wer sich fragt, was den besonderen Reiz der japanischen Architektur, Raumgestaltung sowie des gezielten Einsatzes bestimmter vorherrschender Farben und Materialien ausmacht, dem wird nach dem Lesen dieses Buches garantiert ein Licht aufgehen.

Die Kraft des Dunklen

In eindrücklichen Worten zeichnet der Autor entlang dem kontrastreichen Zusammenspiel von Licht und Dunkel ein leidenschaftliches Bild des traditionellen Schönheitsverständnisses der Japaner. Dabei beginnt er – und kommt immer wieder darauf zurück – mit baulichen Besonderheiten. In teils sehr humorvoller Weise stellt er die japanische der westlichen Architektur gegenüber, um die grundlegend unterschiedlichen Sichtweisen aufzuzeigen. Insbesondere anhand Shoji und Tatami gelingt es ihm darzulegen, daß eine noch so gut intendierte, abgewandelte (westliche) Kopie nie die gleiche Wirkung erzielen kann, wie das (japanische) Original.

Auch der schon sinnlichen Wirkung des Spiels von Licht und Schatten in Tempeln, Restaurants, dem (Nō)Theater, dem japanischen Wohnraum, der Nacht und auf dem Gesicht der Frau „von damals“, spürt Tanizaki gefühlvoll nach. Das Geheimnis der Schönheit liegt ihm zufolge in der Kraft des Dunklen und dem gekonnten Umgang damit in allen Lebensbereichen.

Besorgt über zu viel Licht

1933, im Japan an der Wende zur Moderne als Zuihitsu (Wikipedia) – japanisches Äquivalent zu Essay – veröffentlicht, zeigt sich der Autor in „Lob des Schattens“ daher besorgt über die westlichen Einflüsse, insbesondere das elektrische Licht, und die damit einhergehende nahezu vollständige Ausleuchtung aller Dinge und Wesen. Er fragt, wie sich wohl diese Entwicklung auf die geheimnisvolle Schönheit und das ästhetische Selbstverständnis seines Landes und seiner Menschen auswirken werde. Wunderbar skizziert er in dieser Schrift das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne sowie östlicher und westlicher Kultur der damaligen Zeit. Und auch im heutigen Japan sind diese Spannungen noch erkennbar.

Über den Autor
Tanizaki Jun´ichirō (1886-1965) war einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts und Wegbereiter des Ästhetizismus. In seinen Werken spiegelt sich seine anhaltende Suche nach Schönheit, Anmut und sinnlichem Erleben. Als prägend für sein Schaffen gelten sowohl sein Lehrer Nagai Kafū und Fantasten wie Akinari Ueda, als auch die westlichen Autoren Oscar Wilde, Charles Baudelaire und Edgar Allen Poe.

Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik (陰翳礼讃, In’ei Raisan)
Autor: Tanizaki Jun´ichirō
Übersetzung ins Deutsche: Eduard Klopfenstein
Verlag: Manesse Verlag, Zürich
Bezugsquelle: Amazon Online kaufen

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