Epischer Medizinthriller vom Gott des Manga

Cover der drei Ausgaben von Kirihito

Hin und wieder halte ich ein Werk in Händen, dessen Entstehungsjahr ich nicht definitiv zuordnen kann. Weil das Thema hoch aktuell ist. Weil es in einem zeitlosen Stil verfasst ist. Weil es dramaturgisch virtuos aufgebaut ist und man es von der ersten bis zur letzten Seite geradezu verschlingt. So ging es mir mit “Kirihito” von Osamu Tezuka (1928-1989), Urvater und “Gott des Manga” (bei uns vor allem als Schöpfer von “Kimba der weiße Löwe” und “Astro Boy” bekannt) – wie er in Japan ehrfürchtig genannt wird.

Heilstätte als Wiege unsagbaren Unheils

Szenenausschnitt aus KirihitoEin Universitätsklinikum von Weltruf, das den höchsten Erwartungen seiner internationalen Patienten immer gerecht wird, ist Ausgangspunkt für unsagbare und untragbare Horrorszenarien. Auf der Isolierstation landen rätselhafte, unerklärliche Krankheitsfälle. Die Patienten versterben zumeist rasch. Wie sie zu behandeln sind, ist zunächst unklar. Ein renommierter, gesetzter Professor legt dem jungen, aufstrebenden, mit Ehrgeiz und Potential versehenen Arzt Kirihito Osanai bei seiner Suche nach der Krankheitsursache alle nur erdenklichen Steine in den Weg, um seine eigene Position zu sichern und um in einer ihm selbst nicht erklärlichen und für ihn unlösbaren Situation sein Gesicht zu wahren.

Neben der scheinbar unheilbaren Krankheit, deren Auslöser der Arzt Osanai – im Gegensatz zu den auf ihre eigenen Interessen und berufliche Perspektiven konzentrierten, ihn umgebenden Fachleuten – auf den Grund zu gehen versucht, geht es in diesem Manga um Machterhalt um jeden Preis, Egoismus, Missgunst und Neid, Intrigen, menschliche Gier und Zügellosigkeit, sprich, viele wirklich unschöne Seiten der menschlichen Natur. In seiner Komplexität erinnert “Kirihito” dabei durchaus an den ein oder anderen russischen Roman des 19. Jahrhunderts (Tezuka selbst war ein großer Verehrer Dostojewskis).

Humanmedizinische Forschung zu reinen Karrierezwecken

Szenenausschnitt aus KirihitoDie Krankheitsfälle in “Kirihito” sind beängstigend und abstoßend. Die Patienten auf Zimmer 66, dem teuflischen Raum, mutieren innerhalb kürzester Zeit im Kopfbereich zu hundeähnlichen Wesen, entwickeln unbändigen Appetit auf rohes Fleisch und sterben wenige Monate nach der Verwandlung einen erbärmlichen Tod. Dies macht sie zu begehrten Opfern, nicht nur der Gesellschaft, sondern auch und insbesondere im Sinne medizinischer Experimente und das in dieser Erzählung zum höchsten Gut der Universitätskliniker deklarierte gute, sprich neue Forschungsergebnis zur Förderung der eigenen beruflichen Position.

Den (in der deutschen Fassung dreibändigen) „Medical Thriller” veröffentlichte der studierte Mediziner Tezuka, der schon während seines Studiums in den 1940er Jahren Manga zu zeichnen begann, in den Jahren 1970 und 1971, einer eher düsteren Periode seines Schaffens. Deutlich treten hierin seine medizinischen Kenntnisse zu Tage, jedoch erschreckt und fesselt vor allem seine Skizzierung klinischer Abläufe und menschlicher Abgründe, im beruflichen wie privaten Kontext.

“Kirihito” ist ganz sicher nicht das letzte Werk von Tezuka, das seinen Platz auf japeau findet, noch nicht einmal das letzte, das sich mit Medizin befasst. Das Buch ist allerdings das erste aus einer Reihe absolut empfehlenswerter Manga – in diesem Falle Gekiga (Wikipedia) – eines Mannes, der glücklicherweise seinen Arztkittel gegen Feder und Papier getauscht hat, um unser Leben um grandiose Geschichten und Zeichnungen zu bereichern. Eine Muss-Leseempfehlung für Jeden, der sich für spannende, zeichnerisch wie erzählerisch fesselnde und zudem alte und nichts desto weniger thematisch brandaktuelle, humanistische Lektüre interessiert. Und “Kirihito” gibt es sogar auf Deutsch; eher eine Ausnahme für Klassiker des Manga, die zumeist ins Englische, Französische oder Italienische übersetzt worden sind.

Kirihito (きりひと讃歌, Kirihito Sanka, dt. Hymne auf Kirihito)
Autor: Osamu Tezuka
Verlag: Carlsen Online kaufen

2 Kommentare

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