Königsklasse IV mit Kazuo Shiraga und On Kawara

Das Münchner Japan-Jahr 2019 erstreckt sich bis an den traumhaften Chiemsee. Dort sind die beiden zeitgenössischen japanischen Künstler Kazuo Shiraga (1924-2008) und On Kawara (1933-2014) mit großartigen Werken ausgestellt. Die seit 2013 jährlich auf der Herreninsel ausgerichtete Sommerausstellung Königsklasse IV der Pinakothek der Moderne zeigt damit neben Werken von Dan Flavin, Arnulf Rainer, Wolfgang Laib und anderen erstmals auch Kunstwerke aus Japan.

Der Körper als Pinsel

Kazuo Shiragas Werke sind kraftvoll, wuchtig und in der Ausstellung überwiegend farbintensiv. Sein ganzer Körpereinsatz ist jedem Bild anzusehen, fast schon spürbar. Die ausgestellten Bilder reichen vom Jahr 1964 bis zu einem einzigen rein in schwarz-weiß gehaltenen Werk aus dem Jahr 2008. Von allen geht eine gleichermaßen ungemeine Energie aus. Die nackten Backsteinmauern der Ausstellungsräume in einem nicht vollendeten Schlossflügel scheinen die Wirkung noch zu verstärken.

Shiraga benutzte seinen ganzen Körper, malte mit seinen Händen und Fingern, hängte sich an einem Seil von der Decke, um mit seinen Füßen in schnellen, fließenden Bewegungen die Farbe aufzutragen. Schon im Jahr 1958 stellte er Werke in New York aus, verkaufte ab den frühen 1960er Jahren nach Europa, lehrte für ein paar Jahre Kunst an einer Schule in Osaka und zog sich Anfang der 1970er Jahre als Mönch in das nahe Kyoto gelegene Kloster Enryaku-ji zurück. Dort begann er bald erneut mit der Malerei, die ab da vornehmlich auf schwarz-weiß reduziert war.

Was ist das eigentlich, wenn man irgendwo mit der Hand drauf klatscht oder im Falle von Shiraga mit den Füßen malt?

Corinna Thierolf, Kuratorin der Königsklasse
Corinna Thierolf, Foto H. Koyupinar
Corinna Thierolf, Foto H. Koyupinar

Corinna Thierolf, Kuratorin der Königsklasse, wurde ursprünglich über andere Künstler auf Kazuo Shiraga aufmerksam, da sie sich unter anderem für die Freie Geste interessiert. Hier werde, so wie in der Kalligraphie der Pinsel streng senkrecht gehalten wird, der ganze Körper eingesetzt.

Begeistert erläutert sie im Gespräch mit Japeau: „Im Prinzip wird da eine Seite zwischen Himmel und Erde angeschlagen. Und die Expression zwischen diesen extremen Polen, die Spannung zwischen Aktion und dem Unbekannten, zwischen Demut und persönlichem Ausdruck, das ist etwas, was ich in der Kunst kolossal interessant finde“.

Tag . Monat . Jahr

On Kawaras Arbeiten stehen in starkem Kontrast zu Shiragas Bildern. Seine Today-Serie, bestehend aus etwa 2.800 Einzelbildern, sogenannten Date Paintings, begann er am 1. Januar 1966 und führte sie fort bis zu seinem Tod im Jahr 2014. Auf kleine querformatige Tafeln malte er das Datum des jeweiligen Tages in weißer Schrift auf rotem, blauem oder schwarzem Grund.

On Kawara, Date Paintings

Ein einfaches Datum. Mehr nicht. Wie die Zeit verrinnt. Was geschah. Was verging. On Kawaras Zeittafeln sind so unspektakulär wie berührend, unpersönlich wie ergreifend, harmlos wie aufrüttelnd. Auch er hat bereits früh in den USA, seiner Wahlheimat, ausgestellt. Er reiste viel und ließ seine Eindrücke in seine Arbeiten einfließen. So entspricht das Format, in dem jedes Datum abgebildet ist, immer dem des jeweiligen Landes, in dem es erstellt wurde.

Fünf Jahrzehnte deckt die in der Königsklasse IV ausgestellte Werkgruppe ab, von den 1960ern bis in die 2000er Jahre. „Dieser Umgang mit Zeit, das Darstellen eines Lebenswerkes, in diesen ausgewählten Bildern. Wenn man etwas von dieser japanischen Kunst lernen möchte, dann ist es doch, dass man sich einem so prägnant ausformulierten Inhalt widmen muss“, meint Corinna Thierolf.

Dem schließen wir uns definitiv an. Zeit mitbringen und die Werke wirken lassen! Und anschließend lässt es sich noch königlich mit der Kutsche über die Insel fahren und im See baden oder bei kälterem Wetter die schöne Landschaft auf der Insel und um den See herum in Muße zu Fuss erkunden.

Sommerausstellung Königsklasse IV
11. Mai 2019 bis 3. Oktober 2019
Neues Schloss Herrenchiemsee: Offizielle Webseite

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